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Jetzt hab ich doch tatsächlich den falschen Weg genommen, steil und felsig. Auf allen Vieren hab ich mich da, mit Hilfe der Latschen, hochgezogen. Wenn mich jemand sieht, ruft er den Grünen Heinrich. Unfassbar was ich da tu. Immer wieder sag ich mir, jetzt kannst noch umkehren, das schaffst du noch zur Huberalm. Aber irgendwann war es nach oben kürzer, so dachte ich. Zum Glück gab es da wirklich einen Einschnitt im Felsen durch den ich durchkonnte. Das ist aber nicht der Touristenweg. Das geht nur mit Gemsenbeinen. Ich darf gar nicht drüber nachdenken. Ich war voll mit Adrenalin. Endlich oben… dann das Gefühl, ich bin im Himmel. Kurz kommen mir die Tränen der Erleichterung.

So und jetzt geht es aber noch weiter. Ich schau hinauf zu den mächtigen Felstürmen. Da irgendwo geht’s weiter sagt der Plan. Zwischendurch, aber wo? Ich gehe schon die ganze Zeit zu weit rechts… da links muss der Weg sein. Aber jetzt noch Pause. Sichtbar ein Mankerl und Hasen, hörbar die Stille. Dann, in der Ferne, das Grummeln des vorbeiziehenden Gewitters. Meine Schutzengel und ich brauchen noch eine Weile bevor es weitergeht. Ich will nur nicht mehr da runter. Da heroben kann wenigstens der Hubschrauber landen, falls gar nichts mehr geht. Das hab ich mir wirklich gedacht. Ich bin im Schock, weiß ich jetzt, aber nicht verzweifelt. Bin topfit – nicht müde oder erschöpft. Ich kann noch locker ein paar Stunden gehen. Es ist ca. 14.15 Uhr.

Und los. Links halten. Schneefelder, Felsen, Geröll, Latschen, Berggipfel.

Endlich, der WEG! Ausgelatscht, so mag ich das. Ein paar Glücksgefühle und mein Handy piept. WhatsApp Nachrichten… super! Empfang! Ich sag dem Gerald nichts Genaues, nur, dass ich mich beeilen muss.

Ich gehe weiter, größere Schneefelder und steilere Hänge, der Weg verschwindet. Einen Weg da drüber seh ich nicht, das Handy sagt links halten. Wow, da rauf? Ich steck im Schnee, der linke Schuh ist aufgeplatzt. Na super. Sch****. Ich atme. Bin wieder angewurzelt. Ich kann nicht weiter. Das schaffe ich nicht. Das Gewitter kommt näher. Das wäre jetzt nur mehr vollidiotisch. Heute hab ich ja schon den Titel: Megavollidiotsuperhirni! und die Goldmedaille für „dümmste Aktion ever“ eingeheimst.

Ich wähle den Notruf. Ich will denen nur sagen wo ich bin, falls ich nicht mehr nach unten komm. Kein Empfang. Also zurück zu dem Punkt, wo es ging. Ich hockerl mich hin, atme durch. Versuche es ein 2x. Es ist 15.30 Uhr, ein Mann hebt ab. Ich grüße ganz freundlich und ruhig, sage ihm, dass es mir gut geht, aber ich trotzdem bekanntgeben möchte, wo ich bin und was ich jetzt tue. Ich teile ihm mit, dass im Kessel zwischen Stadelfeldschneid 2092m und Hochhäusel 2026m in den Schneefeldern auf ca. 1800m stecken geblieben bin und den Rückweg nach unten zur Huberalm antrete. Ich weiß allerdings nicht wo der richtige Weg ist, herauf bin ich über einen halsbrecherischen Schlurf gekommen. Er nimmt die Daten auf und fragt, wann ich spätestens unten sein werde. Ich meine länger als 2 h kann es nicht dauern. Ok. Bitte melden sie sich, wenn sie unten sind, sonst schick ich die Leut los. Ich bitte noch um einen Anruf bevor die Kavallerie startet. Ja, sicher.

Ich zieh mir trockene Socken an. Die Stinker🙊🙈, die nassen, dünnen Socken stopf ich in den Rucksack außen. Aja genau, den Schuh hat’s auch zerrissen. Na super.

Durchschnaufen, und los geht’s, den Trampelpfad nach unten. Ist das ein schöner Weg. Und ich heul mal kurz vor Freude. Verdammter Dreck, so schön hätte es herauf gehen können. Die Jungs von der Alm haben noch gesagt: „Jägersteig und einfach zu gehen“. Der eine meinte sogar, er würde das nicht tun, im Schnee verliert sich der Weg und du weißt dann nicht mehr weiter. Recht hat er gehabt, aber ich muss ja alles trotzdem ausprobieren. Ich bin halt, wie ich bin – stur! Ich war einfach zu weit rechts unterwegs. Wie die zwei Damen, die sie heuer schon mit dem Hubschrauber aus den Latschen retten mussten. Mich nicht!

Ich trampel freudig des schönes Weges. Und weil der ja jetzt sicher ist, fängt es jetzt an zu regnen und hageln, aber nur kleine Körnchen, dafür dicht und schwer. Mir wurscht, ich hab den Weg! 👍🏼😃

Ich seh die Huberalm, zum Glück sind die zwei Leut noch da. Sie nehmen mich auf. Bin ich froh. Jetzt den Notruf wählen und abmelden. Nix geht mit dem Wischophon. Die 2 haben ein altes TEL, das hat minimal Empfang, das bieten sie mir an. Bitte da stehen lassen, nicht bewegen, sonst geht es net. Notruf… Hallo? Sylvia hier, mir geht es gut. Wie bitte? Ich versteh sie schlecht. Ich wiederhole… er registriert und ich bin erleichtert. Die 2 in der Hütte offerieren mir einen Tee, mit Schnaps – bitte. So freundliche Menschen. Ich geb meine VK.

Sie machen das als Hobby, er ist in Pension und sie geht bald in Pension, dann wollen sie auch mehr wandern gehen. Wir tratschen eine Weile, ich trinke noch ein Bier aus dem Brunnen (dazu gibts ein Foto). Dann brechen wir alle auf. Keine Gäste mehr da und auf die 30er Feierrunde wollen sie auch nicht warten. Die nächtigen in einer der Hütten hier. Die waren schon zum Frühshoppen da.

Also ich ins Tal, nach Johnsbach und sie nach Hause, Richtung Radmer. Ich bin so dankbar! Alles ist gut gegangen.

Hinunter ins Tal sing ich: I‘m singing in the rain. Wenn’s so ist 🤪

Jetzt ist es wieder leicht zu scherzen. Es prasselt auf meinen Schirm.

Ich singe laut vor mich her, irgendwelches Zeug und völlig falsch, hört mich eh niemand. Haha. Da kommen die 30er Jungs im Abstand von ein paar Metern. Ich grinse sie an und wünsche noch ein super Feier, und wer ist der 30? Natürlich der letzte. Dem komm ich mit Happy Birthday entgegen und er klatscht ab. Wanken tun die alle schon, aber der ist echt ausfallend links und rechts. Lustig. Wir tratschen und er ladet mich ein, dass ma mal gemeinsam auf die Hess gehen, die ist schön. Na super, das brauch ich. Ich geb ihm meine VK und sag er soll mir ein Mail schreiben. Wohl wissend, dass er die eh verlieren wird oder sich an nichts mehr erinnern kann.

Griaßts euch, Buama.

Vor der Köberlalm mach ich Pause, um zu telefonieren. Da ruft auch schon die Anna an. Ich sag ihr nur kurz, sie soll Oma und Gerald Bescheid geben, dass es mir gut geht. Sie hat zu viel Sonne abbekommen, Sonnenstich, es geht ihr nicht gut. Ich sag ihr nichts von mir. „Oje, Schatz. Trink viel und geh schlafen. Ich meld mich, wenn ich ein Zimmer gefunden hab.“

Dann ruf ich bei der Hesshütte an. Tonband, ich spreche drauf, dass ich es nicht mehr schaffe und nach Johnsbach absteige.

Der Regen hat aufgehört. Der Bach rauscht und geht fast über. Es hat schon viel geregnet. Mich würd interessieren was die 4 Herren heute so gemacht haben. Ich brauchte 2 Anläufe auf die Hütte und bin 2 mal gescheitert. Und ich hab meinen Hut verloren. Da hätte es mir schon klar sein sollen. Falscher Weg. Aber zu spät. Im Nachhinein ist man meistens klüger.

17.45 Uhr 

Wow. So ein schönes Steintor. An der Straße angekommen schnaufe ich durch und schau was ich jetzt machen kann. Handy fast leer. Ich sehe ein Schild: Sammeltaxi. Dort ruf ich an und sag wo ich bin und sie sollen mich zu einem Gasthaus bringen, wo ich schlafen kann. „Sicher, bin in 15 Minuten da“

Entspannung. Leerer Kopf.

Und da ist sie schon. Ich steige ein und sie fragt mich was ich will, wo ich morgen weitergeh, damit sie weiß welchen Gasthof sie ansteuern soll. Sie ruft für mich an und checkt mir ein Zimmer. Soll ich fragen wie viel es kostet? ich mein: „Mir ist das egal, Hauptsache ein Zimmer.“ Da helfen die Leut echt zammen, da in den Bergen. So freundlich und hilfsbereit. Ich frag sie ein wenig aus. Da sind wir schon. Ich bezahle. Für die Rettung ein Pappenstiel. Ich geb ihr meine VK.

Rein ins GH, der Wirt sieht mich und drückt mir den Schlüssel für Zimmer 5 in die Hand. Er will gar nix von mir hören. „Kommst dann“ Ich schleich mich ins Zimmer, dusche und leg mich trocken. Glücklich. Ein Zimmer, warm und trocken. Dusche, WC, Bett. Herrlich.

Ich verdaue die Geschichte noch ein wenig.

Im GH geht’s ganz schön zu. ich nehm einen Kräutertee und einen Zwetschkernen. Die Gemüseplatte. So einfach geht’s. Petersilkartoffel und TK Gemüse gekocht und die Lilly ist glücklich. Kein Tamtam. Nomnomnom. Super schmatzo.

Zurück im Zimmer dreht sich die Geschichte von heute im Kopf. Immer und immer wieder. Ich muss mir einen Weg nach Westen schlagen, aber der Schnee nervt mich. Neue Route? Süden?

Ich wasch in Trance meine Klamotten.  He, wo kommst du her? Eine fette Waldameise steigt aus meinen Socken und kennt sich net aus. Ich setzt sie in den Mistkübel zusammen mit einem halben Müsliriegel. Draußen schüttet es also darf sie im Zimmer bleiben.

Erkenntnis: Wäsche trocknet nicht wenn ich wach bin, nur wenn ich schlafe 😂🤣

Irgendwann schlaf ich dann ein. Gut für die Wäsche.

Glücklich des Lebens und mit kaputten Schuhen: 43749 Schritte, 28km

 

 

 

 

Barfuss auf einem Weg
Barfuss auf einem Weg
Barfuss auf einem Weg
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Barfuss auf einem Weg
Barfuss auf einem Weg
Barfuss auf einem Weg
Barfuss auf einem Weg
Barfuss auf einem Weg
Barfuss auf einem Weg
Barfuss auf einem Weg
Barfuss auf einem Weg